Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03: Schritt für Schritt zur Bewertung der Risiken einer Maschine

Der Hersteller einer Maschine muss Gefährdungen bereits vor Beginn der Konstruktion ermitteln, einschätzen und bewerten. Die Norm EN ISO 12100 legt Strategien und Leitsätze zu dieser Risikobeurteilung fest. Ein neuer Beitrag im Werk „Produktsicherheit in Europa“ stellt das Verfahren der Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03 vor. Mit diesem Vorgehen erfüllt der Hersteller seine Verpflichtungen aus Maschinenrichtlinie und Maschinenverordnung.

Nachdem im ersten Teil dieser Serie die Rechtsgrundlagen geklärt und die Rolle von Normen und normierten Begriffen bei der Risikobeurteilung erläutert wurde, geht es im Folgenden um die Durchführung der Risikobeurteilung für eine Maschine.

Schritt 1: Die Grenzen der Maschine festlegen

Die EN ISO 12100 gibt dem Konstrukteur einer Maschine eine Folge von logischen Schritten vor, mit denen er Gefährdungen systematisch identifizieren kann (s. Abbildung).

Risikobeurteilung nach EN ISO 12100
Risikobeurteilung nach EN ISO 12100

Quelle: Produktsicherheit in Europa, Autorin: Elisabeth Wirthmüller

 

Wie das Schaubild zeigt, beginnt die Risikobeurteilung mit einer Betrachtung bzw. Festlegung der Grenzen der Maschine. Diese Grenzen sind in der EN ISO 12100 wie folgt spezifiziert:

  • Verwendungsgrenzen, z.B. gewerbliche oder private Einsatzbereiche, Betriebsarten, zulässige Temperaturbereiche
  • räumliche Grenzen, z.B. Bewegungsbereiche, Platz für Materialbereitstellung, Sicherheitsabstände
  • zeitliche Grenzen, z.B. begrenzte Lebensdauer von Bauteilen, empfohlene Wartungsabstände
  • energetische Grenzen, z.B. Energiearten und deren Schnittstellen
  • stoffliche Grenzen, z.B. durch Eigenschaften der zu verarbeitenden Materialien

Ziel ist, dass eine Maschine so geplant und konstruiert wird, dass sie nicht nur ihre Funktion einwandfrei erfüllt, sondern auch stets so verwendet werden kann, dass bei ihrem Einsatz weder Gefährdungen für das bedienende Personal noch für andere Personen ausgehen. Dabei ist nicht nur

  • die vorgesehene Verwendung unter normalen Bedingungen zu berücksichtigen sowie
  • sämtliche Lebensphasen einer Maschine (also auch z.B. Wartung oder Reinigung), sondern auch
  • alle vernünftigerweise vorhersehbaren Fehlanwendungen (wie z.B. Fehlerzustände, Blitzschlag usw.)

Sämtliche theoretisch denkbaren Risiken werden sich in vielen Fällen nicht ausschalten lassen und liegen auch nicht immer im alleinigen Verantwortungsbereich des Herstellers. Wenn etwa eine Maschine transportiert wird, dabei mangelhaft gesichert wird und von der Ladefläche eines Lkw rutscht, ist das ein Problem der Ladungssicherung und die am Lade- und Transportprozess beteiligten Akteure (Verlader, Fahrzeugführer etc.) stehen in der Verantwortung.

Schritt 2: Gefährdungen systematisch identifizieren

Das systematische Identifizieren aller vernünftigerweise vorhersehbaren Gefährdungen, Gefährdungssituationen und Gefährdungsereignissen in allen Lebensphasen der Maschine ist der zentrale Schritt in der Risikobeurteilung. Hier müssen alle Teile, Funktionen und Mechanismen der Maschine betrachtet werden. Auch die Rahmenfaktoren wie die von der Maschine zu bearbeitenden Materialien, das räumliche Umfeld und die Art und Weise der Bedienung durch Menschen sind dabei zu berücksichtigen.

In Anhang B der EN ISO 12100 finden Sie vier Tabellen, die beispielhaft verschiedene Gefährdungen, Gefährdungssituationen und Gefährdungsereignisse auflisten. Diese Listen können selbstverständlich nicht vollständig sein und alle Gefährdungen abdecken. Nutzen Sie zum Identifizieren weiterer Gefährdungen auch die Konstruktionsunterlagen der Maschine, z.B. wenn die Maschine Teile aufweist, die sich bewegen.

Schritt 3: Risiken einschätzen

Wie die obige Abbildung zeigt, kommt als nächster Schritt das Einschätzen der Risiken. Der zunächst vage klingende Begriff Risiko lässt sich definieren als Produkt aus dem Schadensausmaß und der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadens. Dies gilt auch für eine Maschine (s. Abbildung).

Risikoelemente nach EN ISO 12100:2011-03
Risikoelemente nach EN ISO 12100:2011-03

Quelle: Produktsicherheit in Europa, Autorin: Elisabeth Wirthmüller

 

Das Schadensausmaß schätzen Sie ab, indem Sie fragen, wie schwer die möglichen Unfälle, Verletzungen und gesundheitlichen Folgen für betroffene Personen sein könnten.
Für die Eintrittswahrscheinlichkeit müssen Sie eine Reihe von Faktoren betrachten, z.B.

  • Wie viele Personen müssen einen Gefährdungsbereich für welche Aufgaben betreten?
  • Inwiefern sind diese Personen für Ihre Aufgabe qualifiziert?
  • Wann und wie oft muss ein Gefährdungsbereich betreten werden?
  • Wie lange müssen Personen sich im Gefährdungsbereich aufhalten?
  • Welche Schutzeinrichtungen sind vorhanden und wie sind diese vor einem Manipulieren, Austricksen oder Umgehen geschützt?
  • Inwiefern kann das Risikobewusstsein der Maschinenbediener durch Warnzeichen oder Anzeigen an der Maschine erhöht werden?
  • Stehen Daten aus Risikovergleichen mit ähnlichen Maschinen zur Verfügung? Kam es bereits zu Unfällen und welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

Schritt 4: Risiken bewerten

In diesem Schritt müssen Sie jedes Risiko dahingehend prüfen, ob eine Minderung notwendig ist. Entscheidende Fragen dabei sind:

  • Wurden Gefährdungen beseitigt oder weitgehend minimiert?
  • Haben Sie alle Betriebsbedingungen der Maschine berücksichtigt?
  • Haben Sie geprüft, ob durch Schutzmaßnahmen oder Schutzeinrichtungen neue Risiken entstehen könnten (z.B. wenn infolge eines notwendigen Lärmschutzes per Kapselgehörschützer Warnsignale nicht mehr wahrgenommen werden können)?
  • Haben Sie geprüft, ob Schutzmaßnahmen oder notwendige Schutzeinrichtungen zulasten der Bedien- und Benutzerfreundlichkeit der Maschine gehen könnten?
  • Haben Sie die Bediener der Maschine in ausreichender Form über bestehende Restrisiken informiert und gewarnt?

Stellen Sie an dieser Stelle fest, dass eine (weitere) Risikominderung notwendig ist und Sie entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen müssen, wird die Risikobeurteilung unterbrochen. Nachdem Sie die weiteren notwendigen Schutzmaßnahmen umgesetzt haben, beginnen Sie das schrittweise Verfahren von vorn. Nun gilt Ihr Augenmerk auch der Frage, ob die zusätzlich ergriffenen Schutzmaßnahmen möglicherweise neue Gefährdungen auslösen können.

Erst wenn Sie abschließend zu dem Schluss kommen, dass die verbleibenden Risiken akzeptabel sind und keine (weitere) Risikominderung erforderlich ist, ist die Risikobeurteilung abgeschlossen.

Praktische Gesichtspunkte für das Erstellen und Auswerten der Risikobeurteilung aus Sicht des Technikredakteurs finden Sie im Kapitel „Die Risikobeurteilung – die Basis jeder Anleitung“ im Werk „Technische Dokumentation„.


Die weiteren Teile dieser Serie zur Risikobeurteilung:

Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03: Rechtsgrundlagen und Normen

Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03: Verfahren zur Risikoanalyse

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