Piktogramme in der Technischen Dokumentation

Lange bevor der Mensch Buchstaben zu Worten formte und diese schließlich schriftlich festhielt, nutzten unsere Vorfahren bildhafte Formen der Überlieferung. Aus vielen Frühkulturen sind Felszeichnungen und symbolhafte Darstellungen bekannt, aus denen sich später die Schriftsprachen und unser Alphabet entwickelten. Doch grafische Zeichen dienen auch heute noch der Übermittlung von Informationen. Ein Beitrag im Werk „Technische Dokumentation“ zeigt, wie Technik-Redakteure eigene Piktogramme entwickeln und einsetzen.

Piktogramme sind aus unserem privaten wie beruflichen Alltag nicht mehr wegzudenken. Wir begegnen ihnen im Straßenverkehr, bei der Sicherheitskennzeichnung am Arbeitsplatz oder auf den Etiketten unserer Kleidungsstücke. Die zu vermittelnden Botschaften ohne solche symbolhaften Darstellungen allein durch Schriftsprache auszudrücken, würde unser Leben enorm verkomplizieren. Gerade die modernsten Kommunikationstechnologien wie das Schreiben per Textverarbeitungssoftware oder das Senden von SMS per Smartphone wären ohne Symbole, Icons und Smileys undenkbar. Unsere Welt ist voll von Zeichen und Zeichensystemen, Symbolen, Emblemen, Gütesiegeln, Piktogrammen, Logos usw.

Der Nutzen von Piktogrammen

Die interne und externe Technische Dokumentation nach Maschinenrichtlinie kann sehr aufwendig sein. Je nach Komplexität einer Maschine oder Anlage werden Betriebsanleitungen und Service-Handbücher zu umfangreichen Dokumenten. Daher besteht auch hier das Bedürfnis, durch grafische Darstellungen die Lesefreundlichkeit zu verbessern und die Seitenzahlen zu verringern. Denn wenn bei zu erklärenden Sachverhalten einer Technik-Dokumentation ein Text durch Piktogramme ergänzt wird, bietet dies mehrere Vorteile:

  • Die Dokumente der Technik-Dokumentation werden aufgewertet und wirken hochwertiger.
  • Die Textmenge wird reduziert, das Informationsangebot gestrafft.
  • Lange Texte werden aufgelockert und bieten dem Leser einen leichteren Zugang.
  • Sachverhalte werden unmittelbar und ohne lange Worte ersichtlich.
  • Die nonverbale Kommunikation über Piktogramme überwindet Sprachgrenzen, damit sinken Aufwand und Kosten für Übersetzungen.

Im Kapitel „Piktogramme selbst entwickeln“ aus dem Werk „Technische Dokumentation“ liefert der Autor Thomas Emrich eine Einführung in das Thema. Er zeigt, wo und wie Piktogramme in der Technik-Dokumentation eingesetzt werden, was Piktogramme leisten und wo ihre Grenzen liegen. Nachfolgend einige Aspekte dieses Kapitels in Kurzform.

Nonverbale Technik-Kommunikation per Piktogramm

Piktogramme können in der Technischen Dokumentation auf vielerlei Art und Weise genutzt werden. Zu den typischen und häufigen Verwendungsmöglichkeiten zählen:

  • das nonverbale Erklären von Bedienelementen auf dem Produkt selbst, z.B. indem ein Piktogramm auf einer Bedientaste in einem Fahrzeug oder an einer Maschine zeigt, was das Drücken der Taste bewirkt
  • die Bedienerführung in menügeführten Benutzeroberflächen, z.B. in Maschinensteuerungen per Touchscreens
  • das Übermitteln von Verboten, Geboten und Warnungen in Betriebsanleitungen
  • das Warnen vor Gefahren durch eine Maschine über eine Kennzeichnung an der Maschine selbst mit Warn- und Hinweisschildern
  • das Unterstützen beim Lesen produktbegleitender Kommunikationsmitteln wie Broschüren, Katalogen, Serviceinformationen, Schulungsunterlagen usw. im Sinne schnellerer Orientierung und Leserführung
  • das Unterstützen von Vertriebsmaßnahmen, z.B. auf Messetafeln oder in Onlineshops

Selbstverständlich wird z.B. eine Wartungs- oder Montageanleitung durch Piktogramme nicht zum Bilderbuch oder Comicstrip. Doch können bildhafte Darstellungen in der Technik-Kommunikation zumindest teilweise die Fülle an schriftlicher Informationen ersetzen.

Die Grenzen beim Einsatz von Piktogrammen

Über Erfolg bzw. Misserfolg eines Piktogramms entscheiden drei Punkte:

  1. Konventionen und Kontext: Bilder, Zeichen und Symbole werden nicht von jedem Menschen in gleicher Weise gedeutet und verstanden. Das Interpretieren eines Piktogramms ist kontextabhängig. Der Entwickler hat stets die Sehgewohnheiten und das Vorwissen der Zielgruppe zu beachten.
  2. Schemata: Wir haben in unseren Köpfen bestimmte Vorstellungen über das Aussehen von Objekten. In diesem unserem Kopf-Schema hat ein Auto Räder, Lenkrad, Scheinwerfer usw. Wenige Elemente genügen, damit wir ein Objekt erkennen, Details sind überflüssig.
  3. Kulturelle Unterschiede: Die Assoziationen, die eine grafische Darstellung hervorruft, sind nicht weltweit gleich. Je nach Kulturkreis können Symbole anders gedeutet werden.

Der Technik-Redakteur, der Piktogramme einsetzt, sollte diese Aspekte stets im Blick haben. Nur weil eine Darstellung einem selbst ersichtlich erscheint, muss dies nicht für den späteren Leser gelten, wie das Beispiel in der Abbildung zeigt.

Uneindeutige Piktogramme können zu Fehlinterpretationen führen
Piktrogramm

Bildquelle: „Piktogramme selbst entwickeln“ aus dem Werk „Technische Dokumentation“, Autor: Thomas Emrich

 

Wie ist das Piktogramm im obigen Bild zu verstehen? Geht es um das Wortspiel „Vogelfeder“ und „Maschinenfeder“? Dies wäre außerhalb des deutschen Sprachraums nur schwer zu entschlüsseln. Geht es um die Feder als Symbol für Leichtigkeit, sollen die Schrauben möglicherweise nur leicht, also mit geringem Kraftaufwand, angezogen werden? Oder soll das Zeichen darauf hinweisen, dass diese Konstruktion ein geringes Gewicht hat, da sie aus besonders leichten Materialien besteht?

Das Beispiel macht deutlich, warum ein nicht eindeutiges Piktogramm stets der Unterstützung durch einen erklärenden Text bedarf. In diesem Fall war gemeint, dass die Schrauben nur „leicht“ angezogen werden sollten. Ein Piktogramm wie das folgende hätte dies eindeutiger gezeigt.

Piktogramm mit der Botschaft: Große Kräfte vermeiden
Piktogramm Vermeidung Kräfte

Bildquelle: „Piktogramme selbst entwickeln“ aus dem Werk „Technische Dokumentation“, Autor: Thomas Emrich

Regeln für das Entwickeln von Piktogrammen

Der Autor erläutert zunächst die 12 wichtigsten Regeln, damit Piktogramme besser verstanden werden. Danach zeigt er anhand von Beispielen, wie man eine Piktogrammreihe entwickelt. Die Piktogramme sollten dabei einerseits den gleichen Stil zeigen (Größe, Form. Farbe usw.), andererseits innerhalb einer Reihe leicht unterscheidbar sein. Schließlich werden sieben Schritte für das Entwickeln eigener Piktogramme abgeleitet:

1.     Bildaussage definieren: Welche Botschaft soll das Piktogramm vermitteln?

2.     Zielgruppe(n) eingrenzen: Wer soll das Piktogramm verstehen?

3.     Grenzen der Darstellung erkennen: Welche Symbolik muss erläutert werden?

4.     Piktogramme entwerfen und skizzieren: Warum Handzeichnungen günstiger sind als Software.

5.     Reduktion und Generalisierung des Inhalts: Welche Objektelemente haben den höchsten Erkennungswert?

6.     Grafische Umsetzung vorbereiten: Warum nun ein professioneller Grafiker gefragt ist.

7.     Umsetzung prüfen und überarbeiten: Was beim Test mit Probanden und professionellen Usability-Testverfahren zu beachten ist.

Das Kapitel endet mit einer Vorstellung einiger wichtiger professioneller Testverfahren für die Usability von Piktogrammen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar