Verpackungsmaschinen: Erstmals übergreifende Norm zu den allgemeinen Sicherheitsanforderungen

 

Mit der EN 415-10 „Sicherheit von Verpackungsmaschinen – Teil 10: Allgemeine Anforderungen“ liegt erstmals eine eigenständige und übergreifende Norm für die unterschiedlichen Bautypen von Verpackungsmaschinen vor. Hersteller und Konstrukteure finden in der 2014 veröffentlichten Norm die gemeinsamen Anforderungen an Sicherheit und Gesundheitsschutz von Abfüll-, Verpackungs, Kartonier- oder anderen Verpackungsmaschinen.

Jeder Maschinenhersteller ist seit dem 29.12.2009 verpflichtet, die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG anzuwenden. Durch die Änderungen in der Maschinenrichtlinie müssen bzw. mussten auch sämtliche europäisch harmonisierten Maschinennormen überarbeitet werden. Seit Juli 2014 liegt nun auch eine wichtige übergreifende Norm für Planung und Konstruktion von Verpackungsmaschinen vor.

Vielfalt an Verpackungsformen bedingt Vielfalt an Maschinentypen

Verpackungsmaschine bezeichnet zwar die wesentliche Funktion und Aufgabe dieses Maschinentyps. Doch die Vielfalt der Maschinenmodelle im Einzelnen ist so vielseitig wie die Arten und Formen der Lebensmittel, Pharmaka oder anderer Produkte, welche von den Maschinen verpackt werden. Häufige Bauformen von Verpackungsmaschinen sind z.B. (in Klammern die jeweilige maschinenspezifische Norm):

  • Verpackungsmaschine für vorgefertigte formstabile Packmittel (EN 415-2)
  • Form-, Füll -und Verschließmaschinen (EN 415-3)
  • Palettierer, Depalettierer (EN 415-4)
  • Einschlagmaschinen, Banderoliermaschinen (EN 415-5)
  • Paletteneinschlagmaschinen, Palettenwickler, Schrumpfysteme (EN 415-6)
  • Sammelpackmaschinen, Bündelpackmaschinen, Kartonaufrichter, Bodenklappenfalter und Kartonverschließmaschinen (EN 415-7)
  • Umreifungsmaschinen und -automaten (EN 415-8)

Entsprechend groß ist die Vielfalt bei den Anbau- und Zubehörteilen und weiteren Komponenten wie Transportbänder, Greifer, Stapelstationen usw.

Verpackungsmaschinen sind nicht nur in der Lebensmittel- und der Pharmaindustrie unverzichtbar

Verpackungsmaschine

Bildquelle: Thinkstock

Auch die Gefahren und Risiken von Verpackungsmaschinen sind vielfältig. Als typisch gelten Gefährdungen

  • durch sich bewegende Maschinenteile oder Produkte
  • durch Quetsch- und Scherstellen
  • durch heiße oder kalte Oberflächen
  • durch Strahlung
  • durch Lärmeinwirkungen

All diese Gefährdungen muss der Hersteller in seiner Risikobeurteilung im Rahmen des Verfahrens zu Konformitätsbewertung untersuchen und so weit als möglich unterbinden.

Neues Konzept: Maschinenspezifische Normen ergänzen „allgemeine“ Anforderungen

Die EN-415-Normenreihe konkretisiert die Anforderungen aus Anhang I der EU-Maschinenrichtlinie 2006/42/EG an alle Verpackungsmaschinen, die erstmals im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) in Verkehr gebracht werden. Der neue Normungsansatz für diesen Maschinentyp ist, eine übergreifende Norm zu allgemeinen Anforderungen mit einer Reihe von maschinenspezifischen Normen zu ergänzen (s.u.). Die EN 415-10 enthält als übergreifende Norm die gemeinsamen Anforderungen an die vielen unterschiedlichen Typen von Verpackungsmaschinen. Die weiteren maschinenspezifischen Normen enthalten dann „nur noch“ Abweichungen oder zusätzliche Anforderungen. Diese gelten für jeweils eine bestimmte Gruppen von Verpackungsmaschinen gelten, deren Gemeinsamkeiten durch ihren Einsatzzweck gegeben sind,

Sie finden in der EN 415-10 daher viel Know-how zu aktuellen Sicherheitsanforderungen und Schutzmaßnahmen nach dem Stand der Technik, die modellübergreifend von Bedeutung sind wie z.B.:

  • feststehende oder verriegelte bewegliche trennende Schutzeinrichtungen
  • Schutzmaßnahmen an Öffnungen für den Produktein- und -austritt in trennenden Schutzeinrichtungen
  • Schutzmaßnahmen in Abhängigkeit von der Öffnungsgröße

Auch Fälle von Fehlanwendung oder unerwartetem Anlauf werden von der Norm aufgegriffen.

Beim Bedienen, Reinigen oder Warten von Verpackungsmaschinen war es immer wieder zu Unfällen gekommen. Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) brachten als Vertreter der Maschinenbetreiber ihre Erfahrungen mit der Unfallauswertung in die Normungsarbeit ein. Ziel der gemeinsamen Arbeit war, die Schutzmaßnahmen möglichst bedienerfreundlich zu gestalten und ein Unwirksammachen zu erschweren.

Achtung: Vermutungswirkung nur in Verbindung mit einem maschinenspezifischen Normteil

Beachten Sie folgende Besonderheit, auf die der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) hinweist: Obwohl die neue EN 415 vom Amtsblatt der EU in der Liste der harmonisierten Normen aufgeführt wird, entfaltet diese Norm allein nicht – wie sonst bei harmonisierten Normen üblich – die Vermutungswirkung (mehr dazu im Abschnitt „So nutzen Sie die Vermutungswirkung“ des Beitrags „Müssen Normen eingehalten werden?“). Denn im Anhang der Norm ist von „der gemeinsamen Anwendung mit einem entsprechenden maschinenspezifischen Teil von EN 415“ die Rede. Das bedeutet, dass von der EN 415 für sich allein genommen keine Vermutungswirkung ausgeht, sondern nur in Verbindung mit einem maschinenspezifischen Teil der EN-415-Reihe (s. die obenstehende Liste). Vorteil dieser neuen Konzeption ist, dass nun nicht mehr jeder einzelnen Spezialnorm ein allgemeiner Teil mit mehr oder weniger identischen Wortlauf zu den übergreifenden Risiken vorangestellt werden muss. Das Normenwerk wird damit insgesamt verschlankt, übersichtlicher und leichter zu handhaben.

Hinweis: Im Werk „Risikobeurteilungen für Maschinen“ finden Sie eine Risikobeurteilung auf Basis der Norm EN ISO 12100:2010 als Praxisbeispiel „Verpackungsmaschine – Nachweisdokumentation“.

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