Risikoeinschätzung, Risikobewertung, Risikoanalyse? So hängen diese Schritte zusammen

Risiken im Umgang mit technischen Produkten zu beherrschen, ist ein zentrales Anliegen der Maschinensicherheit und der Produktsicherheit. Bei dem Prozedere, um dieses Ziel zu erreichen, gehen die unterschiedlichen Begriffe manchmal etwas durcheinander und sorgen für Verunsicherung. Mal ist von Risikoanalyse die Rede, mal von Risikoeinschätzung, außerdem von Risikobewertung und von Risikobeurteilung. WEKA-Autorin Elisabeth Wirthmüller bringt mit einem aktuellen Beitrag im Werk „Produktsicherheit in Europa“ etwas Licht in den Dschungel der Begrifflichkeiten und Terminologie.

Maßgeblich für die Risikobeurteilung und Risikominderung bei der Sicherheit von Maschinen ist die Norm EN ISO 12100:2011-03. Die Schritte im Prozess der Risikobeurteilung gemäß EN ISO 12100 lauten wie folgt:

  1. Die Grenzen der Maschine festlegen.
  2. Die Gefährdungen identifizieren.
  3. Die Einschätzung des Risikos.
  4. Die Bewertung des Risikos.

Die Schritte 1 bis 3 werden auch als Risikoanalyse bezeichnet. Als 5. Schritt schließt sich die Risikominderung an. Diese muss so lange wiederholt werden, bis das Risiko in einem hinreichenden Maße verminmdert wurde. Erst dann ist der Prozess der Risikobeurteilung abgeschlossen.

 

Risiken zuerst einschätzen, dann bewerten

Auf den ersten Blick klingen die Punkte 3 und 4 gleich oder doch sehr ähnlich. Das ist jedoch nicht der Fall und der Unterschied von Einschätzung und Bewertung ist für ein tieferes Verständnis hilfreich. Ein Blick in die DIN EN ISO 12100:2011-03 klärt auf. Denn diese Norm enthält wichtige Hinweise zur grundsätzlichen Terminologie und Methodologie der Prozesse Risikobeurteilung und Risikominderung.

Die DIN EN ISO 12100:2011-03 definiert

  • die Risikoeinschätzung als die Bestimmung des wahrscheinlichen Ausmaßes eines Schadens und der Wahrscheinlichkeit seines Eintritts (s. Absatz 3.14) und
  • die Risikobewertung als die auf der Risikoanalyse beruhende Beurteilung, ob ein Risiko akzeptabel ist bzw. ob die Ziele zur Risikominderung erreicht wurden (s. Absatz 3.16).

Über die Risikoeinschätzung zur Risikomatrix

Jede Risikoeinschätzung muss zwei Faktoren umfassen:

  • das Ausmaß eines möglichen Schadens
  • die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadens

Werden diese beiden Faktoren gegeneinander aufgetragen, ergibt sich eine sogenannte Risikomatrix (s. Abbildung). Eine solche oder ähnliche Matrix kommt in vielen Modellen und Verfahren zur Risikobeurteilung vor und kann – wie im gezeigten Beispiel – zwei, aber auch bis zu vier Dimensionen besitzen.

Beispiel für eine Risikomatrix

 

Risikomatrix Risikoeinschätzung Risikobewertung Produktsicherheit

Bildquelle: ISO TR 14121-2, Abs. 6.2.2.2, aus „Produktsicherheit in Europa“

Eine andere Art der grafischen Darstellung des Ergebnisses von Risikoeinschätzungen ist der Risikograf (s. Abbildung). Risikografen eignen sich weniger für das Einschätzen von Risiken für (nicht akut) auftretende gesundheitlichen Gefährdungen, etwa durch Lärm oder mangelnde Ergonomie. Für die Risikoeinschätzung von Gefährdungen, die akute (z.B. mechanische, elektrische oder thermische) Schäden hervorrufen können, sind sie jedoch gut geeignet.

Beispiel für einen Risikografen

 

Risikograf Produktsicherheit

Bildquelle: ISO TR 14121-2, Abs. 6.3.2, aus „Produktsicherheit in Europa“

Wahrscheinlichkeiten qualitativ einschätzen, ohne (quantitative) Messungen und harte Kriterien

Gerade das qualitative Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten fällt oft schwer. Maschinenbauer und Konstrukteure sind gewohnt, mit harten Fakten, Größen, Messwerten usw. zu arbeiten. Doch beim Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten kommt eine individuelle und nicht durch standardisierte Verfahren „abgesicherte“ Komponente ins Spiel.

Daher wird dieser Einschätzungsprozess manchmal mit einem gewissen Unbehagen verbunden. Denn die persönliche Einschätzung beruht zu großen Teilen auf Erfahrungswissen und Intuition. Sie lässt sich mit objektiv ermittelten Zahlen und Fakten möglicherweise stützen, aber selten „sicher“ belegen.

Keine Vorgabe zur Wahl der Methode zur Risikoeinschätzung

Wichtig zu wissen ist, dass die Methode zur Risikoeinschätzung keineswegs vorgeschrieben ist. Weder in der Maschinenrichtlinie noch in einer der weiteren CE-Richtlinien, die Risikobeurteilungen verlangen, noch in sonstigen Gesetzen und Regelwerken, findet sich die Forderung, eine bestimmte Methode oder ein bestimmtes Verfahren zur Risikoeinschätzung anzuwenden.

Dies kann zur Verunsicherung führen, bietet aber gleichzeitig dem Konstrukteur die Möglichkeit, die Risikoeinschätzung individuell auf die gestellte Aufgabe und die damit verbundenen Sicherheitsanforderungen anzupassen. Diese Chance zu nutzen, bedeutet, eine effektive Risikoeinschätzung vorzunehmen, indem Risikoelemente und Parameter gewählt werden, die am besten zur Aufgabenstellung passen. Nur bei einer effektiven Einschätzung der Risiken können auch effektive Maßnahmen zur Minderung der Risiken ansetzen.

Weiter in die Tiefe gehende ausführliche Informationen und Hinweise zu Risikoeinschätzung und Risikobewertung finden Sie im Werk „CE-Kennzeichnung nach Maschinenrichtlinie„.

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