Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03: Rechtsgrundlagen und Normen

Laut der europäischen Maschinenrichtlinie 2006/42/EG und der (deutschen) 9. Verordnung zum Geräte- und Produktsicherheitsgesetz stehen der Hersteller einer Maschine oder sein Bevollmächtigter in der Pflicht, eine Risikobeurteilung vorzunehmen. In dieser sollen alle für die Maschine geltenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen ermittelt werden. Unterstützung findet der Maschinenhersteller im Normenwerk, speziell in der EN ISO 12100:2011-03.

In einem neuen Beitrag für das Werk Produktsicherheit in Europa hat WEKA-Autorin Elisabeth Wirthmüller sich eingehend mit der Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03 Abschnitt 5 befasst. Nachfolgend lesen Sie in diesem und den nächsten beiden Artikeln die wichtigsten Punkte in der Zusammenfassung.

Die rechtlichen Grundlagen

Zentrale Rechtsgrundlage für das Erstellen der Risikobeurteilung einer Maschine ist die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG. In deutsches Recht umgesetzt wurde sie mit der 9. Verordnung zum Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (9. GPSGV) aus dem Jahr 2009, abgekürzt als Maschinenverordnung bekannt. Danach ist vom Hersteller explizit gefordert, in einer Risikobeurteilung für die Maschine

  • die Grenzen der Maschine zu bestimmen und zwar nicht nur gemäß ihrer bestimmungsgemäßen Verwendung, sondern auch unter Berücksichtigung jeder „vernünftigerweise vorhersehbaren Fehlanwendung“,
  • die von der Maschine ausgehenden Gefährdungen und die damit verbundenen Gefährdungssituationen zu ermitteln,
  • die Risiken abzuschätzen und dabei einerseits die Schwere möglicher Verletzungen oder Gesundheitsschäden und andererseits die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens zu berücksichtigen,
  • die abgeschätzten Risiken zu bewerten, um zu ermitteln, ob eine Risikominderung erforderlich ist,
  • die Gefährdungen auszuschalten oder durch Anwendung von Schutzmaßnahmen die mit diesen Gefährdungen verbundenen Risiken zu mindern.

Daraus folgt, dass eine Risikobeurteilung nicht erst nach erfolgter Konstruktion erfolgen darf. Im Gegenteil, Gefährdungen sollen bereits vor der Konstruktion erkannt, eingeschätzt und bewertet werden. Nur so können noch im Entwicklungsprozess Risiken weitestmöglich ausgeschlossen oder minimiert werden. Es ist nicht zulässig, dass ein Hersteller vermeidbare Risiken zulässt und allein mit Sicherheitshinweisen und Warnungen vor Restgefahren in der Betriebsanleitung und Dokumentation für den Maschinenbetreiber reagiert.

Nicht zu vergessen: Die Risikobeurteilung ist unverzichtbarer Bestandteil der Technischen Dokumentation einer Maschine.

Unterstützende Normen

Eine Vielzahl von Normen unterschiedlicher Normentypen sind für den Maschinenhersteller relevant. Besonders im Hinblick auf die Risikobeurteilung hilfreich sind:

Die EN ISO 12100:2011-03 ist eine Typ-A-Norm, auch Sicherheitsgrundnormen genannt. Sie legt Begriffe, Methoden, allgemeine Leitsätze der Risikobeurteilung und Strategien zur Risikominderung fest. Auch macht diese Norm Vorgaben zu den Inhalten der Maschinendokumentation hinsichtlich Risikobeurteilung und Risikominderung.

Die DIN EN ISO 13849-1 ist eine Typ-B-Norm (Sicherheitsgruppennorm). Ihr Volltitel „Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen – Teil 1: Allgemeine Gestaltungsleitsätze“ beschreibt die wesentlichen Inhalte. Diese Norm ist als Leitfaden für die Prinzipien der Gestaltung und Integration sicherheitsbezogener Teile von Steuerungen inklusive der Entwicklung von Software nützlich. Sie gilt für die Steuerungen aller Arten von Maschinen, unabhängig von ihrer jeweiligen Technologie, Antriebsart oder Energiequelle (elektrisch, hydraulisch, pneumatisch, mechanisch usw.).

Dazu kommen maschinenspezifische Normen. Dies sind i.d.R. Typ-C-Normen, sogenannte Maschinensicherheitsnormen, und stellen detaillierte Sicherheitsanforderungen an eine bestimmte Maschine oder eine Gruppe von Maschinen dar. Oft enthalten die Normen diesen Typs einen Gefährdungskatalog, der speziell auf den jeweiligen Maschinentyp zugeschnitten ist.

Normenhierarchie beachten

Betrachten Sie den Gefährdungskatalog einer Maschinensicherheitsnorm nie als Ersatz für eine Risikobeurteilung nach Typ-A- und Typ-B-Normen, sondern stets als Ergänzung. Sollten sich zwischen den Anforderungen der verschiedenen Normentypen Abweichungen ergeben, so dürfen Sie nicht nach Belieben verfahren, sondern müssen eine Rangfolge der Normentypen beachten.

Die Festlegungen von Typ-A- und B-Normen gelten übergreifender, für eine größere Gruppe von Maschinen. Die Festlegungen der Typ-C-Norm für eine Maschine, welche nach den Festlegungen dieser Typ-C-Norm konzipiert und gebaut wurde, wurden spezieller auf diesen Maschinentyp zugeschnitten. Damit gilt:

  1. Die Anforderungen einer Typ-C-Norm ((Maschinensicherheitsnorm) haben Vorrang vor den Festlegungen anderer Normen (Sicherheitsgrund- und gruppennormen).
  2. Nur für die Festlegungen einer Typ-C-Norm gilt eine uneingeschränkte Vermutungswirkung hinsichtlich der Erfüllung der grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen gemäß Maschinenrichtlinie.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Fachbeitrag „Müssen Normen eingehalten werden?„.

Darum sollten Sie genormte Begriffe verwenden

Die deutsche Sprache kennt viele auf den ersten Blick ähnlich klingende Begriffe wie Gefährdung und Risiko. Auch die Unterschiede zwischen Gefährdungsbeurteilung und Risikoanalyse, Risikoeinschätzung oder Risikobeurteilung sind für den Laien kaum erkennbar. Achten Sie darauf, dass Sie in Ihrer Dokumentation diese Begriffe genau so und nur so verwenden, wie sie in der EN ISO 12100 in Übereinstimmung mit der Maschinenrichtlinie definiert sind. Damit beugen Sie Missverständnissen und Fehlinterpretationen vor, z.B. von eigenen Beschäftigten oder Mitarbeitern von Behörden. Im Kapitel „Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03 Abschnitt 5“ des Werks „Produktsicherheit in Europa“ finden Sie dazu eine nützliche Übersicht (s. Abbildung).

Auszug aus der Übersicht der genormten Begriffe
Auszug aus der Übersicht der genormten Begriffe

Quelle: Kapitel „Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03 Abschnitt 5“ des Werks „Produktsicherheit in Europa“, Autorin: Elisabeth Wirthmüller

 


 

Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100:2011-03: Verfahren zur Risikoanalyse

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