Bei Sicherheitsrisiken muss der Hersteller handeln: Große Rückrufaktion von Traktoren, Frontladern und Raupenschleppern

Produktrückrufe sind für alle Beteiligten eine ärgerliche Angelegenheit. Für den Hersteller ist eine Rückrufaktion oft mit hohen Kosten, organisatorischem und Zeitaufwand verbunden. Dazu kommen drohende Reputationsverluste. Mit dem 2011 in Kraft getretenen neuen Produktsicherheitsgesetz wurden die Eingreifmöglichkeiten der Überwachungsbehörden erweitert. Der Schutz der Verbraucher und Anwender wurde gestärkt, für Hersteller wird es schwieriger, sich gegen drohende Produktrückrufe zu wehren.

Bei der im Titel dieses Beitrags genannten Rückrufaktion handelt es sich zum Glück nicht um echte Baufahrzeuge, sondern „nur“ um Fahrzeugmodelle eines Spielwarenherstellers. Das Unternehmen hatte festgestellt, dass der in einigen ferngesteuerten Modellfahrzeugen eingesetzte Akku sich stark erhitzen kann. So hat der Hersteller reagiert:

  • Die Überhitzungsgefahr wurde als Sicherheits- und Brandrisiko erkannt.
  • Presse und Öffentlichkeit wurden durch eine Pressemitteilung mit dem Titel „Wichtiger Sicherheitshinweis“ über das Brandrisiko informiert (Januar 2014).
  • Die Meldung nennt konkret die betroffene Modellreihe und die genauen Modellbezeichnungen samt Artikelnummern.
  • Die Pressemitteilung verweist auf eine Internetseite des Herstellers, auf der die Situation ebenfalls erläutert wird. Schon auf der Startseite des Portals befindet sich ein deutlicher Sicherheitshinweis, der auf die näheren Informationen verlinkt.
  • Der Hersteller fordert die Käufer der betroffenen Fahrzeuge auf, den Akku aus den Modellen auszubauen.
  • Der Hersteller bittet seine Kunden, das Produkt mit dem riskanten Akku zurückzugeben, entweder über den Fachhandel, d.h. den Laden, in dem das Produkt erworben wurde, oder über den Hersteller selbst.
  • Der Hersteller sichert jedem Kunden zu, den kompletten Kaufpreis zu erstatten.

Sofern dies aus der Ferne und als Unbeteiligter zu erkennen ist, hat das Unternehmen alles richtig gemacht, um einen Vertrauensverlust bei seinen Kunden einzugrenzen. Gerade bei Kinderspielzeug mit Sicherheitsmängeln reagieren die Käufer verständlicherweise hochsensibel und ein Imageschaden kann ein Unternehmen in den Ruin treiben. Ein Hersteller, der einen Fehler freiwillig eingesteht, dies transparent kommuniziert und sofort umfassend reagiert, kann im optimalen Fall selbst eine „Panne“ zur Verbraucherbindung nutzen.

Der Hersteller trägt die Verantwortung für sichere Produkte

Die Vorgaben des Gesetzgebers bei einem sicherheitsrelevanten Produktmangel sind eindeutig: Das neue Produktsicherheitsgesetz verpflichtet den Hersteller, jedes Sicherheitsrisiko eines von ihm auf den Markt gebrachten Produktes ernst zu nehmen und das Risiko abzustellen.

Ob ein Hersteller sich – wie im oben geschilderten Fall – zu einem Produktrückruf entschließen sollte, hängt entscheidend von zwei Faktoren ab:

  1. Wie groß wird das Risiko durch den Produktmangel oder die Fehlfunktion eingeschätzt? Immer wenn eine Gefahr für Gesundheit oder Leben der Nutzer oder Dritter (wie es im Beamtendeutsch heißt) gesehen wird, wird der Hersteller um einen Rückruf nicht herumkommen.
  2. Wer benutzt aller Voraussicht nach das Produkt mit dem Mangel? An ein für private Verbraucher oder gar Kinder konzipiertes Produkt sind höhere Sicherheitsanforderungen zu stellen als an ein Produkt, welches was nur von Fachleuten und in einem professionellen Umfeld eingesetzt wird.

Treffen beide „Kriterien der Risiko-Erhöhung“ nicht zu, also ein als gering eingeschätzter Mangel und professionelle Anwender, kann dies, muss aber nicht unbedingt einen Produktrückruf bedeuten. Je nach konkretem Fall kann ein Produkt, etwa eine Maschine, z.B. auch am Einsatz beim Kunden nachgebessert werden. In anderen Fällen muss nicht das Produkt selbst geändert werden, sondern es müssen z.B. die Bedienungsanleitung, Verwendungs- und Warnhinweise nachgebessert werden.

Das Produktsicherheitsgesetz unterscheidet die Begriffe Rücknahme und Rückruf (s. Abbildung).

Rückruf und Rücknahme laut Produktsicherheitsgesetz

Rückruf und Rücknahme laut Produktsicherheitsgesetz

Quelle: Gesetz über die Bereitstellung von Produkten auf dem Markt (Produktsicherheitsgesetz – ProdSG) vom 8. November 2011, Bundesministeriums der Justiz, www.gesetze-im-internet.de

Die Rolle der Marktüberwachungsbehörden

Unabhängig, ob der Hersteller sich zu einem Rückruf oder einer anderen Maßnahme entschließt, muss er umgehend nach Erkennen eines Sicherheitsrisikos die zuständige Marktüberwachungsbehörde informieren. Kommt er dieser Pflicht nicht oder nicht in ausreichendem Maße nach, drohen Geldbüßen bis zu 3.000 Euro.

Hinweis: In Deutschland fungiert die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) als zentrale Meldestelle des Bundes für mangelhafte und gefährliche Produkte. Die BAuA stellt in ihrem Online-Portal ein Rückruf-Formular bereit. Damit soll es Herstellern, ihren Bevollmächtigten oder Importeuren erleichtert werden, alle relevanten Informationen zeitnah zu übermitteln. Die BAuA ihrerseits gibt die Meldung an die Marktaufsichtsbehörde weiter.

Die Zuständigkeiten der Bundesländer bei der Marküberwachung für bestimmte Produktgruppen können Sie im Artikel „Heute hergestellt, morgen Schrott?“ nachlesen. Die Behörde wird den Fall untersuchen und beobachten. Kommt die Behörde zu dem Schluss, dass ein Hersteller seiner Produktverantwortung nicht gerecht wird, kann sie einen Produktrückruf verpflichtend anordnen.

Rückrufmanagement beugt Reputationsverlust vor

Besser beraten sind Hersteller, die von sich aus ein professionelles Rückrufmanagement betreiben. Dazu gehört eine präventiv ansetzende Planung, die z.B. bei folgenden Aspekten ansetzen kann:

  • Erstellung von Ablaufplänen und Festlegung von Entscheidungsprozessen in einem detaillierten Rückrufplan
  • Festlegung der Zusammensetzung eines Rückrufnotfallteams als „Krisenstab“, Delegation von Verantwortlichkeiten
  • Definition der Kriterien für eine Rückruf-Entscheidung
  • Aufstellen eines Krisenkommunikationsplans für Öffentlichkeitsarbeit und Umgang mit den Medien im Fall einer „Panne“ zur Vermeidung einer Eskalation
  • Kennzeichnung von Bauteil-Chargen mit Nummerncode und/oder Datum, um eine spätere Rückverfolgbarkeit sicherzustellen
  • stete eigenständige Produktbeobachtung hinsichtlich sicherheitsrelevanter Vorkommnisse, auch durch z.B. Auswertung von Service-Berichten und ggf. Befragungen von Kunden und Anwendern
  • Förderung von Prozessen für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement
  • eine sorgfältige, korrekte und rechtssichere Produkt-Dokumentation
  • ggf. Versicherung von Risiken

Ob Raupenschlepper oder andere Maschinen, je sorgsamer sich ein Hersteller für den Fall der Fälle wappnet, desto eher kann er peinlichen Imageverlusten und negativen wirtschaftlichen Folgen vorbeugen.

Internationale Produktrückrufe können Sie übrigens in einem 2012 gestarteten Online-Portal der OECD recherchieren. Unter globalrecalls.oecd.org finden Sie kostenfreie Suchmöglichkeiten zu sicherheitsrelevanten Produktinformationen aus aller Welt.

Alle relevanten Informationen zum Thema „Produktsicherheit“ finden Sie hier.

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