Kommt jetzt die „Technische Dokumentation Vier Null“?

„Industrie 4.0“ ist das große Schlagwort, wenn derzeit über die Produktionsprozesse der Zukunft geredet wird. „Information 4.0“ war jüngst das Schwerpunktthema der tekom-Frühjahrstagung im April in Darmstadt. Doch was ist mit diesem Begriff gemeint? Und wie wirkt sich „Information 4.0“ auf Berufsbild und Selbstverständnis des Technischen Redakteurs aus? Der deutsche Fachverband für Technische Kommunikation bot mit Vorträgen und Diskussionen die Möglichkeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Im Titel der tekom-Tagung „Information 4.0 – Informationsentwicklung für intelligente Produkte“ verbirgt sich bereits der Versuch einer Definition. Im Zeitalter von Industrie 4.0 werden nicht nur Produkte und Produktionsverfahren intelligenter, auch das Management von Information und Dokumentation verändert sich.

Industrie 4.0: Vom Schlagwort zur Strategie

Um das Konzept hinter Industrie 4.0 nachvollziehen zu können, ist es hilfreich, sich zunächst damit zu beschäftigen, was unter Industrie 4.0 verstanden wird. Dieser Begriff taucht seit etwa 2011 zunehmend in Diskussionen um die Zukunft von Industrie und Produktion auf. Indem ihn die Bundesregierung in ihrer Hightech-Strategie explizit aufgegriffen hat, rückt er in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr vom Schlagwort technikbegeisterter Internetfreaks zum ernst zu nehmenden Fachterminus für Industrie, Maschinenbau und Konstruktion.

Vor wenigen Wochen wurde auf der Hannover Messe der Startschuss für die Plattform Industrie 4.0 gegeben. Dieses Gemeinschaftsprojekt von Politik, Wirtschaft, Verbänden und Wissenschaft will „die Chancen der Digitalisierung der Wirtschaft aktiv nutzen“. Damit ist mit Digitalisierung einer der wichtigsten Aspekte genannt, welche die sogenannte vierte industrielle Revolution, den „Big Change“, auslösen und bestimmen (s. Abbildung).

Industrie 4.0 als vierter Schritt der Industriellen Revolution

 

Bildquelle: DFKI 2011, Bosch

Bildquelle: DFKI 2011, Bosch

 

Neben Digitalisierung werden im Rahmen von Industrie 4.0 folgende Aspekte als Herausforderungen für zukunftsfähige industrielle Produktionsprozesse genannt:

  • Die Individualisierung von Produkten und den dahinterstehenden Produktionsprozessen und Maschinen ermöglicht es Konsumenten und Anwendern, statt einheitlicher Standardprodukte ihre Wünsche zeitnah in Auftrag zu geben und die Produktion aktiv mitzugestalten.
  • Eine zunehmende Modularisierung von industriellen Prozessen und Produktionsanlagen im Sinne intelligenter und teilautonomer funktionaler Einheiten bringt neue Herausforderungen auch für die Automatisierung mit sich.
  • Das Zusammenwachsen (Verknüpfen, Verlinken) der realen (physischen) mit der virtuellen (digitalen) Welt zum sogenannten Internet der Dinge führt zur digitalen Vernetzung von Wertschöpfungsketten.
  • Cyberphysische Systeme ermöglichen eine immer stärkere Kommunikation von Maschinen und Komponenten untereinander (Machine-to-Machine-Communication = M2M) bei gleichzeitiger Vernetzung mit dem Internet. Dies führt zu einer immer stärkeren Selbstorganisation von Anlagen und Maschinen.
  • In der Vision der Fabrik der Zukunft werden Fertigungsprozesse immer vernetzter und flexibler. In der „Real-time Smart Factory“ sollen selbst Großserien-Produktion und individualisierbare Produkte keine Widersprüche mehr sein.
  • Open Innovation“ und Transparenz stehen für eine Öffnung von Innovationsprozessen nach außen, unterstützt durch neue Online-Anwendungen, Social-Media-Netzwerke und online-basierte Test- und Analysewerkzeuge.

Information 4.0: Vom Handbuch zum „Content Delivery“

Ähnlich wie Industrie 4.0 ist auch der Begriff Information 4. 0 nirgendwo offiziell definiert. Er taucht in verschiedenen Varianten und Nebenformen auf wie Redaktion 4.0, Dokumentation 4.0 oder Produktkommunikation 4.0. Vereinfacht ausgedrückt verbergen sich dahinter alle Herausforderungen für eine Anpassung und Weiterentwicklung der Technischen Dokumentation in der Folge der mit Industrie 4.0 umrissenen Veränderungen.

Diese Veränderungen betreffen auch die Rolle und die Anforderungen an den Technischen Redakteur. Häufig genannte Schlagworte sind:

  • Intelligentes Informationsmanagement: individuelles und bedarfsgerechtes Bereitstellen von Daten, intelligentes Verwalten von Informationsbausteinen, flexible und modularisierte Dokumentationen, systematischer Einsatz von Metadaten
  • Semantische Technologien mit weniger hierarchischen und mehr vernetzten Informationen sowie individualisierbarer Suche, Filterung und Ansicht der Informationen
  • Content-Delivery-Portale: web-basierte und über Metadaten gesteuerte Oberflächen, auch für mobile Anwendungen, sollen das individuelle und zielgerichtete Erschließen umfassender Informationen und Dokumente ermöglichen

Der Titel eines Vortrags auf der tekom-Frühjahrstagung lautete: „Handbücher abschaffen“ Vom Dokument zur Wissensdatenbank“. Nach dieser Vorstellung werden 3-D-Grafiken, Videos und vertonte Anleitungen das „fest definierte Handbuch“ ablösen. Für langjährige Ersteller gedruckter Werke der Technischen Dokumentation mag dies provozierend klingen. Doch Hand aufs Herz: Wer blättert im Google-Zeitalter heute noch in einem „fest definierten Handbuch“, etwa einem kiloschweren Lexikonband? Ob sich der Begriff Information 4.0 durchsetzen wird oder nicht, die Technische Dokumentation wird sich durch die Entwicklung Richtung Industrie 4.0 zwangsläufig verändern.


Mehr zum Thema lesen Sie im Kapitel „Industrie 4.0 und die Anforderungen an die EMV“ aus dem Werk „Elektromagnetische Verträglichkeit„. Der Beitrag erläutert die besonderen EMV-relevanten Herausforderungen im Umfeld der Zukunftsinitiative Industrie 4.0, z.B. an Frequenzumrichter oder die Sensorik, und stellt geeignete technische Maßnahmen vor.

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