DIN EN 62079 und IEC 82079-1: ein Überblick

Die „Mutter aller Normen zur technischen Dokumentation“, die DIN EN 62079, erhält einen Nachfolger. Die neue Version wird Mitte 2011 in endgültiger Fassung veröffentlicht, seit Oktober 2010 ist der Entwurf verfügbar. Dabei handelt es sich dann um eine internationale Norm. Im vorliegenden Fachbeitrag erhalten Sie wichtige Informationen zur Norm wie die Ziele und Inhalte der Überarbeitung.

DIN EN 62079 – aktueller Stand

Die erste Edition der IEC 62079 „Preparation of instructions – Structuring, content and presentation“ von 2001 ist in die Jahre gekommen. Die Norm wurde unter deutscher Leitung entwickelt und behandelt Grundprinzipien, erforderlichen Inhalt als auch sprachliche Gestaltung von Gebrauchsanleitungen. Sie gilt als eine der wichtigsten Normen für die technische Dokumentation und wurde weitgehend in das europäische Normenwerk als EN 62079 übernommen. Die Kenntnis dieser Norm sollte von jedem technischen Redakteur erwartet werden.

Seit einigen Jahren arbeitet ein internationales Maintenance-Team der IEC unter nunmehr japanischer Leitung an der Überarbeitung, deren Veröffentlichung als ISO/IEC 82079-1 geplant ist und die ebenfalls als EN und DIN EN in das europäische bzw. deutsche Normenwerk übernommen werden soll.

Als Normentwurf wurde die DIN EN 82079-1 (auch als VDE 0039-1) „Erstellen von Anleitungen – Gliederung, Inhalt und Darstellung – Teil 1: Allgemeine Prinzipien und detaillierte Anforderungen“ im Oktober 2010 veröffentlicht, war allerdings bereits zum Zeitpunkt der Veröffentlichung veraltet, da nicht der aktuellste Arbeitsstand des zuständigen IEC-Maintenance-Teams berücksichtigt wurde.

Bedeutung der IEC 62079 für die EG

Die internationale IEC 62079 ist als europäische Norm EN 62079:2001 „Erstellen von Anleitungen – Gliederung, Inhalt und Darstellung“ der EG-Produktsicherheitsrichtlinie 2001/95/EG zugeordnet. Sie löst für allgemeine Produkte, die nicht unter eine spezifische EG-Richtlinie fallen, die sogenannte Vermutungswirkung aus. Das bedeutet, dass Hersteller davon ausgehen können, dass bei korrekter Anwendung der Norm die grundlegenden gesetzlichen Anforderungen an die Sicherheit erfüllt sind. Hersteller sind, wie bei nahezu allen Normen, frei, ob sie die Norm anwenden oder nicht; sie trifft aber eine erhöhte Beweislast, wenn es darum geht darzulegen, dass ein Produkt rechtskonform in Verkehr gebracht wurde.

Weiterführende Informationen: Normenverzeichnisse

Unter dem folgenden Link zur Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) finden Sie die Verzeichnisse der Normen, welche die Vermutungswirkung für die entsprechenden Rechtsvorschriften auslösen. Die EN 62079 ist im „Verzeichnis 2 zum nicht harmonisierten Bereich des GPSG – Teil 1 Nationale Normen“ aufgeführt:
www.baua.de/cln_135/de/Geraete-und-Produktsicherheit/Produktinformationen/Normenverzeichnisse.html

Auch für andere Produktbereiche hat die EN 62079 eine besondere Bedeutung, insofern, als sie in anderen Normen referenziert wird. So wird die EN 62079 beispielsweise in der EN ISO 12100 „Sicherheit von Maschinen“ zitiert, insbesondere hinsichtlich der Anforderungen an Strukturierung und Präsentation der Benutzerinformation und Warnhinweise in der Benutzerinformation (einschließlich der Betriebsanleitung). Darüber hinaus prägt die EN 62079 wesentlich den Stand der Technik für Anleitungen.

Weiterführende Informationen: kleines 1×1 der Normung

Zur Normung bietet das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) eine hilf- und lehrreiche Broschüre an. Unter anderem können Sie hier kompakt in Kapitel 5 auf drei Seiten nachlesen, welche Wirkung Normen für das Produkthaftungs- und Vertragsrecht entfalten. Die Broschüre kann unter der folgenden Internetadresse kostenlos bezogen werden:
www.zdh.de/fileadmin/user_upload/publikationen/sonstige/Broschuere_Kleines_Einmaleins_Normung.pdf

Kritik an der bestehenden Norm IEC 62079

Abgesehen von der überfälligen Aktualisierung der Norm wurde in der Vergangenheit berechtigte Kritik an den Inhalten der Norm laut, u.a.:

Die IEC 62079 lässt im Titel „Erstellen von Anleitungen“ vermuten, dass sie auch den Prozess der Anleitungserstellung behandelt. Anforderungen an den Prozess der Informationsentwicklung oder an die Ausbildung von Informationsentwicklern fehlten jedoch bislang.
Einzelne Inhalte sind unverständlich.
Die Gliederung der Norm erzeugt etliche Wiederholungen in unterschiedlichen Formulierungen, was die Handhabung der Norm erschwert.
Signalwörter für Warnhinweise sind nicht geregelt. Hinsichtlich der Signalwörter wird in der Norm auf die ISO/TC 145 „Graphical symbols“ verwiesen. Dieses ISO-Komitee hat unter anderem die ISO 3864-2 („Graphical symbols – Safety colours and safety signs – Part 2: Design principles for product safety labels“) verfasst, wo die Signalwörter in Anlehnung an die ANSI Z535 definiert wurden. Die Übertragbarkeit dieser Signalwörter von Warnschildern auf Anleitungen und ihre Verbindlichkeit für Anleitungen sind nicht definiert.
Zahlreiche begriffliche Unklarheiten bestehen wegen fehlender Definitionen.
Als IEC-Norm ist sie dem elektrotechnischen Bereich zugeordnet, obwohl sie dem Inhalt nach für den allgemeinen Bereich ohne Einschränkung anwendbar ist und als europäische Norm eine entsprechende Gültigkeit über den elektrotechnischen Bereich hinaus erhalten hat.

Angesichts dieser Punkte war der Druck, die Norm zu überarbeiten, groß.

Die neue ISO/IEC 82079-1

Die IEC 62079 wurde gemeinsam mit dem ISO/TC 3 überarbeitet (TC steht für „Technical Committee“); die ISO ist das internationale Gegenstück der IEC. Das bedeutet u.a., dass Kommentare der nationalen ISO-Gremien in die Überarbeitung eingeflossen sind. Ziel ist die Veröffentlichung eines gemeinsamen Standards der ISO und IEC. Die Norm dürfte damit eine noch höhere Bedeutung erlangen.

Tab. 1: Wichtige Normungsorganisationen
Gültigkeitsraum Allgemein Elektrotechnisch Telekommunikation
Welt ISO IEC ITU
Europa (Normen mit „EN“) CEN CENELEC ETSI
Deutschland DIN DKE DKE

Durch die geplante Kennzeichnung der künftigen Norm als ein „Teil 1“ ist der Raum für weitere Teile geschaffen. Diese weiteren Teile sind noch nicht festgelegt. Weitere Teile könnten sich beispielsweise den Besonderheiten der Anlagendokumentation widmen, oder – ähnlich der EN 15038 im Übersetzungsbereich – Regeln für die Erbringung redaktioneller Dienstleistungen aufstellen.

Ziele und Inhalte der Überarbeitung

Ziele der Überarbeitung sind:

die Norm an den Stand der Technik anzupassen
mehr Konsistenz in der Norm zu erreichen
Verbraucherinteressen einfließen zu lassen
neue Medien stärker zu berücksichtigen

Wesentliche Änderungen sind bereits im Normentwurf deutlich und betreffen die folgenden Punkte:

Zahlreiche Begriffsdefinitionen wurden ergänzt, verbessert oder dem Stand der Technik angepasst, nicht mehr benötigte Definitionen wurden entfernt. Die Änderungen betreffen u.a. fünf neue Begriffe zu Sicherheits- und Warnhinweisen (consequence, safety sign, warning message, …), sechs neue Begriffe zur Beschreibung von Dokumenten und ihren Bestandteilen (document, manual, illustration, marking, label, …), vier neue Begriffe für Gruppen von Beteiligten (consumer, customer, target group, …), zehn Begriffe zur Beschreibung von Produkten (speziell mit Blick auf Anlagen: plant, component, equipment, service, …).
Die Prinzipien wurden ergänzt, insbesondere um Anforderungen an die Qualifikation von Personen, die für die Erstellung und Übersetzung von Anleitungen verantwortlich sind. Danach müssen die Verantwortlichen für die Dokumentation Fachkräfte sein, die in der Lage sind, die Anforderungen der Norm zu verstehen und gemäß dem Stand der Technik auf die unternehmens- und produktspezifische Situation zu übertragen. Diese Anforderung dürfte ohne eine einschlägige Aus- oder Weiterbildung schwer zu erfüllen sein.
Die Forderung nach einer Beschreibung der Zielgruppen in der Anleitung wurde aufgenommen. Dabei ist die Beschreibung der Zielgruppe mehr als der Hinweis auf eine „ausgebildete Fachkraft“. Vielmehr muss deutlich werden, was und warum die Anwender eines Produkts wissen und können müssen und welches Risiko entsteht, wenn die Anwender nicht über die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.
Eine detaillierte Beschreibung der „safety-related information“ wurde in die Norm integriert. Dies betrifft insbesondere die Warnstufen in Anlehnung an die ISO 3864 (in Übereinstimmung mit der ANSI Z535, der wichtigen US-Norm für Sicherheits- und Warnhinweise), eine Unterscheidung von Sicherheitshinweisen, Warnhinweisen und Warnschildern und Anforderungen an den Inhalt.
Die erforderlichen Schriftgrößen sind ausführlicher behandelt. So verlangte die Norm bisher eine Mindestschriftgröße von 9 pt (entspricht etwa 3 mm Höhe des Buchstabens „H“). Die neuen Regelungen lassen auch Schriftgrößen bis zu 6 pt zu, wenn das Platzangebot beispielsweise bei der Beschriftung sehr kleiner Produkte keine größere Schrift zulässt. Die untere Grenze von 6 pt ist aber keineswegs als Aufforderung zu verstehen, bei „normalem“ Platzangebot auf Papier die bisherige Grenze von 9 pt Schriftgröße zu unterschreiten!
Die Anforderungen an elektronische Medien wurden detailliert und erweitert. So wird eine ausschließlich elektronische Lieferung von Anleitungen zwar nicht grundsätzlich, aber für Verbraucherprodukte ausgeschlossen. Die Verfügbarkeit der Informationen erhält einen hohen Stellenwert, aus dem beispielsweise folgt, dass Anleitungen zusätzlich über Internet zur Verfügung gestellt werden sollen, und zwar für die voraussichtliche Produktlebensdauer. Damit bestehen indirekt auch Anforderungen an die Usability der Internetseiten, auf denen ein Unternehmen die Anleitungen elektronisch bereitstellt.
Die Forderung nach einem „risk assessment“ wurde aufgenommen. Die Risikobeurteilung (in der Terminologie der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG) wird von verschiedenen Richtlinien gefordert, ergibt sich aber auch schon aus der grundlegenden Anforderung, dass nur sichere Produkte in Verkehr gebracht werden dürfen, und den allgemeinen Verkehrssicherungspflichten jedes Warenherstellers.
Ein „proof reading“ wird gefordert. Die Forderung nach einer Qualitätssicherung ist nicht neu, wird in der Praxis aber häufig vernachlässigt. Insbesondere muss auch die Qualität von Übersetzungen geprüft werden.
Eine Beschreibung des Prozesses der Informationsentwicklung wurde als informativer Anhang aufgenommen.

Die grundlegende Struktur der Norm wurde nicht überarbeitet. Daher bleiben einige Wiederholungen in der Norm weiterhin bestehen. Einige strukturelle Unklarheiten wurden jedoch bereinigt und redaktionell verbessert.

Zeitplan

Zum Redaktionsschluss des Tagungsbands war der dritte „Committee Draft“ (3CD) in Englisch erstellt. Der 3CD wird ins Französische übersetzt und als „Committee Draft for Voting“ (CDV) den nationalen Gremien übermittelt. Bei reibungslosem Verlauf kann mit einem „Final Draft International Standard“ (FDIS) im August 2011 und mit dem „International Standard“ (IS) im November 2011 gerechnet werden.

Fazit

Zahlreiche Mängel, Lücken und fehlende Anpassungen an den Stand der Technik in der bestehenden Norm IEC 62079 werden durch die zu erwartende ISO/IEC 82079-1 beseitigt. Aufgrund ihrer hohen Bedeutung sind die frühzeitige Beschäftigung mit der Norm und die Einbettung in die unternehmensspezifische Standardisierung und Qualitätssicherung sinnvoll.

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